Die meisten Menschen, die sich mit dem Coronavirus anstecken, haben einen milden oder moderaten Verlauf und können zu Hause gesund werden. Bei einem Teil der Erkrankten verschlechtert sich der Zustand jedoch – häufig nicht gleich zu Beginn, sondern erst nach einigen Tagen. Für die Behandlung ist es entscheidend, eine solche Verschlechterung früh zu erkennen. Genau hier setzt die Idee an, Patientinnen und Patienten in häuslicher Isolation mit einem Sensor auszustatten, der ihre Vitalwerte rund um die Uhr erfasst.
Die Gefahr der „stillen“ Sauerstoffnot
Bei Covid-19 kann der Sauerstoffgehalt im Blut sinken, ohne dass die Betroffenen sofort Atemnot verspüren. Ärztinnen und Ärzte sprechen von einer „stillen“ oder „glücklichen“ Hypoxie. Die Erkrankten fühlen sich vielleicht nur etwas schlapp, obwohl ihr Körper bereits nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. Bleibt das unbemerkt, kommen manche erst spät in die Klinik. Eine regelmäßige Messung der Sauerstoffsättigung kann helfen, diese Entwicklung rechtzeitig zu erkennen.
So funktioniert der Sensor im Ohr
Der Sensor wird ähnlich wie ein kleiner Kopfhörer oder ein Hörgerät im äußeren Gehörgang getragen. Optische Sensoren senden Licht in die gut durchblutete Haut und messen, wie sich die Lichtaufnahme mit jedem Herzschlag verändert. Daraus lassen sich der Puls und die Sauerstoffsättigung des Blutes berechnen – nach dem gleichen Prinzip, nach dem auch die bekannten Fingerclips, sogenannte Pulsoximeter, arbeiten. Ein Temperaturfühler erfasst zudem die Körpertemperatur im Gehörgang, die recht nah an der Körperkerntemperatur liegt. Auch die Atemfrequenz lässt sich aus den Signalen abschätzen.
Das Ohr eignet sich dafür besonders gut: Es ist stark durchblutet, liegt nah am Körperkern und bewegt sich im Alltag weniger als etwa das Handgelenk – das verringert Messfehler. Die Daten werden per Funk an ein Smartphone oder eine Basisstation und von dort an ein telemedizinisches Zentrum übertragen. Überschreiten die Werte festgelegte Grenzen, schlägt das System Alarm, und das medizinische Team kann Kontakt mit den Betroffenen aufnehmen.
Was sich Fachleute davon versprechen
In Pilotprojekten wurde erprobt, ob sich Covid-19-Patientinnen und -Patienten in häuslicher Isolation auf diese Weise zuverlässig überwachen lassen. Die Hoffnung: Verschlechterungen sollen früher auffallen, sodass Erkrankte rechtzeitig ärztlich versorgt oder in eine Klinik eingewiesen werden können. Gleichzeitig ließen sich unnötige Krankenhausaufenthalte vermeiden und Kliniken entlasten. Ob die Methode die Behandlungsergebnisse tatsächlich verbessert, müssen größere Studien zeigen. Die Technik könnte künftig auch bei anderen Erkrankungen eingesetzt werden, bei denen Vitalwerte über längere Zeit beobachtet werden sollen.
Für wen eine solche Überwachung infrage kommt
Profitieren könnten vor allem Menschen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Verlauf – etwa ältere Personen sowie Menschen mit Vorerkrankungen wie Herz- oder Lungenleiden, Diabetes oder einem geschwächten Immunsystem. Gerade bei ihnen ist es wichtig, dass ein Abfall der Sauerstoffsättigung, ein anhaltend hoher Puls oder steigendes Fieber nicht übersehen werden. Ob eine telemedizinische Überwachung im Einzelfall sinnvoll und verfügbar ist, entscheiden die behandelnden Ärztinnen und Ärzte; bislang kommt sie vor allem in Studien und Modellprojekten zum Einsatz.
Pulsoximeter für zu Hause: richtig messen
Wer zu Hause selbst die Sauerstoffsättigung überprüfen möchte, kann ein Pulsoximeter für den Finger verwenden. Damit die Werte aussagekräftig sind, sollten Sie einige Punkte beachten:
- Vor der Messung einige Minuten ruhig sitzen und die Hand entspannt auf eine Unterlage legen.
- Kalte Finger vorher anwärmen – eine schlechte Durchblutung kann das Ergebnis verfälschen.
- Nagellack oder künstliche Fingernägel an dem gemessenen Finger entfernen.
- Während der Messung nicht bewegen und warten, bis sich der angezeigte Wert stabilisiert hat.
- Die Werte am besten mehrmals täglich zu ähnlichen Zeiten messen und notieren.
Bei gesunden Menschen liegt die Sauerstoffsättigung in Ruhe meist zwischen 95 und 100 Prozent. Liegt der Wert dauerhaft unter etwa 94 Prozent oder sinkt er deutlich ab, sollten Betroffene umgehend ärztlichen Rat einholen. Menschen mit chronischen Lungenerkrankungen haben teilweise niedrigere Ausgangswerte – sie sollten mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt besprechen, welche Werte für sie gelten. Zu beachten ist außerdem, dass Pulsoximeter bei dunklerer Hautfarbe die Sauerstoffsättigung teilweise zu hoch anzeigen können.
Technik ersetzt nicht das eigene Gespür
Messgeräte sind eine wertvolle Hilfe, ersetzen aber nicht die ärztliche Einschätzung. Unabhängig von den Messwerten gilt: Bei Atemnot, Schmerzen oder Druck in der Brust, plötzlicher Verwirrtheit, bläulichen Lippen oder anhaltend hohem Fieber sollten Sie sofort ärztliche Hilfe holen und im Notfall den Rettungsdienst unter 112 rufen.
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